Roadtrip zum haarlosen Glück – Teil I

Da saß ich nun,
und langweilte mich zu Tode.
Wir fuhren und fuhren, es regnete ohne Pause, die Regentropfen peitschten kübelweise an unsere Windschutzscheibe, der Geräuschpegel im Bulli war nicht mehr zu ertragen und Köln ließ uns einfach nicht fort.

Kölner Dom Roadtrip Alopecia
Vor dem Kölner Dom

Der Plan sah in der Theorie wie folgt aus: Den Fotoshoot für den Charitykalender „12 Gesichter! 12 Geschichten!“ hinter uns, sollte in Köln unser Roadtrip, mit unserem schmucken Campingbulli von Bulliholidays, einmal quer durch Deutschland beginnen.

Doch damit nicht genug, meine persönliche Mission für unseren Roadtrip lautete, diesen komplett ohne meine Perücken zu erleben. Für mich eine recht große Herausforderung, denn bis dato habe ich es nie länger als zwei Tage am Stück ohne meine Pfiffi‘s auf dem Kopf ausgehalten.

Der Kölner Regen hielt uns gefangen

Hohenzollernbrücke Roadtrip Alopecia
Köln – Hohenzollernbrücke

Nachdem wir uns am Vormittag in Köln noch der Massenliebelei auf der Hohenzollernbrücke hingaben und uns fragten, wie viele der hier geschlossenen Liebesschwüre immer noch existieren oder schon wieder im Rosenkrieg endeten, sprangen wir voller Enthusiasmus in den Bulli.
Unser erstes Etappenziel – den Rhein Richtung Süden entlangfahren. Den Regen, der uns schon den ganzen Morgen immer wieder versuchte zu ärgern, missachteten wir mit einer nahezu divenhaften Ignoranz. Noch schnell das Navi eingestellt. Nächste Haltestelle – der Drachenfels in Königswinter.

Schlösser der Liebe

Doch der Start in unseren Roadtrip zeigte sich schwieriger als geplant. Das Navi hatte, seit über 5 Jahren, knauseriger Weise, kein Update mehr erhalten und führte uns penetrant im Kreis. Der Regen hatte eine Stärke angenommen, die es uns unmöglich machte die Autos vor uns zu erkennen. Somit fuhren wir an jedem Ausfahrtsschild mit zusammengekniffenen Augen vorbei, um uns danach fluchend zuzurufen, dass wir nichts lesen konnten. Normal im Auto reden, Fehlanzeige. Die Geräuschkulisse ähnelte eher einer Herde Wildpferden auf der Flucht. Anhalten und den nächstbesten Passanten um Auskunft beten, weitere Fehlanzeige.  Auch nur der Versuch eines Ausstieges aus dem Bus, hätte mich sogleich wegschwimmen lassen. Zumal auch keine einzige Person auf den Straßen Kölns während solch einer Sintflut unterwegs war.

Tipp: Mit Gummistiefeln wandert es sich besonders gut

Königswinter Roadtrip Alopecia
Berglandschaft Königswinter

Nach einer kleinen Ewigkeit gelang es uns Köln den Rücken zu kehren. Je weiter wir uns entfernten, desto weniger Regen plätscherte auf die Straßen. Mit unserer Ankunft in Königswinter empfing uns eine gemalte Bergenlandschaft, saftig grün und von Nebelschleiern und tief hängenden Wolken durchzogen. Sogleich zogen wir zur Vorsicht unsere Regenjacken über und ab ging es in der Drachenfelsbahn süße 321m den Drachenfelsberg hinauf zur Drachenfelsruine, welche für ihren Ausblick über das Siebengebirge und das Rheintal bekannt ist.

Drachenfelsbahn

Einen Vorteil hatte das Regenwetter für uns, es fehlten die Touristen, die hier sonst so Scharenweise hinauffuhren, um wie wir den Ausblick zu genießen. Den Rückweg bewältigten wir beide ganz allein in unseren quietschenden Gummistiefeln bergabwärts, zwischen wunderschönen Wäldern, Wiesen, Ruinen und Obstfeldern, vorbei am Schloss Drachenburg und ab ging es in den trockenen Bulli, auf der Suche nach einem Stellplatz für die Nacht.

Flüchtender FreundUnser Bulli Roadtrip zum haarlosen Glück

In Wehr einem kleinem Dorf, etwas ab vom Rhein wurden wir fündig. Auf einem Bauernhof erhielten wir die Möglichkeit, inklusive Strom und Bad, die Nacht zu campieren. Zum Bauernhof gehörte zusätzlich ein eigener Hofladen, indem wir uns für die nächsten Tage mit allerlei Regionalem eindeckten. Im Schlafsack eingekuschelt recherchierte mein Freund noch die morgige Haltestelle, während ich mich, völlig K.O. vom Tag, schon ins Schlummerland verabschiedete.
Der nächste Morgen begann mit einem wunderschönen Sonnenaufgang, muhenden Kühen, gackernden Hühnern und einem flüchtendem Freund.  Da kein Bauer in Sicht war nutzte er, völlig selbstsicher, die Gunst der Stunde, um näher an die Kühe und Bullen heranzutreten. Wirklich weit kam er nicht, denn schon flitzte hinter dem Traktor der Haus- und Hofhund hervor, um seinen Besitz zu schützen. Mein Freund zuckte mit seinem ganzen Körper zusammen, drehte sich im Sprung um 180 Grad und rannte an meinem Tränengelächter vorbei aus dem Hoftor in Richtung Bulli.

Irrtum: Ich habe Alopecia, kein Krebs

Kaltwassergeysir Roadtrip Alopecia
Kaltwassergeysir auf der Halbinsel Namedyer

Nächste Haltestelle – der weltweit größte Kaltwassergeysir.
Die Attraktion, ein Loch aus dem circa alle zwei Stunden ekelig schmeckendes Wasser ungefähr 60m in die Luft schießt.
An sich ein sehr interessanter Vorgang, der die Entstehung kohlendioxidhaltigen Wassers wieder ins Gedächtnis holt und einen auf angenehme Art und Weise darauf hinweist, dass man soeben auf einem passiven Vulkangebiet steht. Weitaus interessanter für mich war jedoch meine Unterhaltung mit einer netten Frau, auf der Schifffahrt hin zur Halbinsel Namedyer, wo der Geysir zu finden ist.
Sie setzte sich uns, in ihrer pinken Allwetterjacke und mit ihrem Rucksack in der Hand, in Fahrtrichtung gegenüber und fing sogleich einen durch sie dominierten Plausch mit uns an. Ich kam nicht drum herum ihren sehr kurzen Haarschnitt zu bestaunen. Ein an sich sehr maskuliner Haarschnitt, der an ihr jedoch alles andere als maskulin wirkte. Sie hatte ihre grauen kurzen Haare zu einem leichten Scheitel gekämmt, trug passend zu ihrer pinken Jackenfarbe Ohrclips und ihr rosa Lippenstift schimmerte und funkelte in der Sonne mit dem blau glitzernden Rheinwasser um die Wette. Sie erzählte während der Fahrt viel von sich und ihren Reisen, auch einen Einblick in ihr privates Umfeld konnten wir erhaschen. Währenddessen sie redete und redete, sich die Fahrtrichtung des Schiffes änderte und ich parallel dazu an meinem Knabbergebäck knusperte, entging mir doch fast, aufgrund der vielen zeitgleich übertönenden Geräusche, wie sie in ihrer Erzählung zu mir schwenkte und darüber sprach, dass ich Krebs hätte. Sie hätte das sofort gesehen, da ich ja ein Tuch trage und meine Augenbrauen angemalt sind. Ich schluckte meine halb gekaute Knabberstange ruckartig hinunter, drehte mein linkes Ohr noch mehr in ihre Richtung und musste mich auf ihre Worte konzentrieren. Hatte sie gerade behauptet, dass ich Krebs habe oder habe ich mich einfach nur verhört? Nein, das habe ich wohl nicht.
Da war er nun, der Moment von dem so viele andere Alopecia-Betroffene berichten und der einen so ärgern und unter Umständen auch auf das eigene Gemüt drücken kann. Ich möchte nicht von anderen mit dem ersten Bild, dass sie von mir erhalten, als Krank eingestuft werden. Ich möchte mich nicht alle naselang erklären müssen, Fehleinschätzungen und -aussagen andere revidieren um somit den Fokus wieder Roadtrip zum haarlosen Glückauf Alopecia zu richten, dadurch ständig selber an meine Erkrankung erinnert werden und dann wieder erklären zu müssen, was das jetzt ist, wenn es kein Krebs ist und was das alles für mich bedeutet. Ein immer wiederkehrender Kreislauf, der im besten Fall zu mehr Aufklärung führt, im schlimmsten Fall Mitleid erzeugt. Letzteres ist einfach nur anstrengend. Mitleid gibt mir rein gar nichts, außer einer traurig dreinschauenden Person mir gegenüber und einer gedämpften Stimmung. Aus Mitleid kann ich nichts Verwertbares für mich ziehen, außer einem Taschentuch aus meinem Rucksack für denjenigen mir gegenüber.

 

Wie die Unterhaltung mit der Frau weitergeht und was noch alles auf unserem Roadtrip passierte, lest ihr im  2. Teil des Roadtrips.

3 Kommentare

  1. Hej…habe deinen Blog gerade entdeckt und finde es ganz wunderbar wie du schreibst. Ich stehe gerade am Anfang von diesem verrückten Haarausfall und finde es megainspirierend deine motivierenden Worte zu lesen…ja…Mitleid kann man wirklich nicht brauchen sondern ehrliche Empathie und Power der zurückstrahlt….danke für deinen wunderbaren Blog…bin selber Blogger und vielleicht findet auch meine Geschichte bald einen Weg auf meinen Blog…den ich denke es braucht noch mehr authentische und ehrliche Menschen, die von diesem haarlosen Zustand betroffen sind…drücke dich unbekannterweise ganz fest und bin gespannt auf mehr.,.dankeschön….liebe Grüsse aus dem Süden…ines

    1. Liebe Ines,
      ich danke dir von Herzen für deine lieben Worte. Ich würde mich freuen, vielleicht in der nahen Zukunft mal von deinen Erfahrungen auf deinem Blog zu lesen. Deine Umarmung erwiedere ich natürlich. Fühl dich gedrückt.
      Berlin grüßt den Süden.
      -Maria-

  2. Vielen lieben Dank…auch fürs anklicken bei Insta…ja wie gesagt…im Moment stehe ich noch am Anfang…noch sind Haare da…aber zunehmend fallen mehr aus…wo das alles hinführt…weiss ich noch nicht aber ich freue mich sehr das es mich schon zu dir geführt hat und wenn sich das alles mal gesetzt hat und ich vor allem mich erst mal analog bei vielen meiner Lieben geoutet habe…werde ich bestimmt auch den Weg ins Digitale Wagen…du bist eine wunderbare und so lebensfrohe Persönlichkeit…das reisst mit…das inspiriert…schön dich hier kennenzulernen…ein kleines bisschen…wir bleiben in Kontakt und fühle dich fest umarmt…liebste nächtliche Grüsse aus dem Süden…danke…ines

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