Weihnachtsmarktgeflüster

Kurzgeschichte Alopecia

Ein Meer aus kleinen und großen, weiß funkelnden Eiskristallen durchzieht die Glasscheiben des Schulfensters. Jedes einzigartig und auf seine Weise perfekt. Einige verbinden sich zu einem großen Gemälde, andere leben ihre Perfektion durch Einsamkeit aus. So wunderschön und doch so endlich.
Josi sitzt im Klassenzimmer, Fensterreihe, erste Bank ganz vorne. Der beste Platz um nicht von den Lehrern gesehen zu werden. Stehen sie vor der Klasse, schauen sie automatisch über Josi herüber. Seit der ersten Klasse sichert sie sich diesen Sitzplatz, der sie wie bei einem billigen Magier-Trick, verschwinden lässt, was Josi wiederum genug Zeit lässt seelenruhig das Treiben auf Berlins Straßen zu beobachten.

Nicki

Josi öffnet die Schultür. Mit dem Moment, der sie die kalte Winterluft erfühlen lässt und sie den frisch gefallenen, weißen Schnee auf dem Schulgelände erblickt, tritt Josi einen Schritt zurück in Richtung Schulflur. Sie wickelt ihren braunen Schal ein weiteres Mal um den Hals. Ihre farblich passende Mütze schmückt schon den ganzen Schultag über ihren Kopf. „Wo sind nur meine dämlichen Handschuhe?“
Hockend, wühlt Josi in ihrem Rucksack, stellt sorgfältig ihre noch halbvolle Trinkflasche neben sich auf dem Boden ab, legt ihre, in Alufolie eingewickelten, Käsestullen daneben und auch ihre Federtasche landet auf dem Flurboden, bis sie endlich aus den unendlichen Weiten ihres Rucksacks ihre schwarzglitzernden Fäustlinge herauszieht.
Alle anderen Sachen wieder im Rucksack verstaut, traut sie sich nun endlich in die weiße Landschaft.  Nachdem Josi dreimal an ihrem Diamantrad vorbeigeschlichen ist und zweimal das falsche Fahrrad aufschließen wollte, erkennt sie trotz des ganzen Schnees nun doch ihr Rad. Gedanklich fluchend, auf einen langen und langweiligen Heimweg eingestellt, erblickt sie am Schultor ihre beste Freundin Nicki.
Nicki geht auf eine andere Schule, deswegen sehen sich die beiden nur nachmittags. Für Josi bedeutet Nicki alles, denn sie ist immer bei ihr, wenn es ihr schlecht geht und muntert sie in traurigen Momenten auf. Nach einer langen Umarmung zur Begrüßung nehmen sie gemeinsam den Fußmarsch nach Hause auf. Normalerweise laufen die Mädels gerne zu Fuß nach Hause, damit ihnen genug Zeit bleibt die wichtigsten News untereinander auszutauschen. Doch heute scheint Josi einen Großteil ihres Wortschatzes verschluckt zu haben. Ihr ist nicht nach reden. Was sie möchte ist in ihren dicken Winterstiefeln durch den Schnee zu waten und dabei dem Knistern und Quietschen der Schuhe zuzuhören, sobald sie den frischen Schnee andrücken.
„Könntest du mir jetzt bitte mal erzählen, was los ist? Wer oder was hat dich denn heute so Wortkarg werden lassen?“, platzt es aus Nicki heraus.
„Tom.“

Tom

Tom geht in Josis Parallelklasse. Er dominiert in der Schule durch regelmäßige Prügeleien und neue, beleidigende Wortfindungen, wie Gesichtseintopf oder Hirnspender. Reicht ihm das alles nicht, dann glänzt er durch Abwesenheit. Josi ist Letzteres am Willkommensten.
„ Oh man, wer sonst! Dieser kleine, hässliche Fettwanst. Scheinbar hat sein Leben nicht mehr zu bieten. Was hat er denn heute zu dir gesagt?“
„Lutschkopf.“
Eine Träne kullert ihre Wange hinunter, vorbei an ihren makellosen Lippen, bis sie schließlich vom Schal aufgesogen wird. Sie blickt hoch und schaut Nicki direkt in die Augen. Sie zwingt sich jede weitere potentielle Träne zu unterdrücken. Tom tyrannisiert Josi seit seinem Wechsel in ihre Schule vor einem Jahr.
„Was? Kreativer war er nicht?“, Nicki lacht.
„Das ist ja schon fast einschläfernd im Gegensatz zu fleischfarbene Badekappe, Deoroller für King Kong oder Penisbirne. Was ist los mit ihm? Ich habe das Gefühl, dass ihm sein Bauchfett so langsam zu Kopf steigt.“
Josi schmunzelt. Wieder hat es Nicki geschafft ihr ein Lächeln ins Gesicht zu zaubern, obwohl sie eigentlich am Liebsten, an einem Betonklotz geknotet, auf den Grund der Spree sinken würde.
„Josi, er ist ein Nichts. Ein dicker Junge, mit dem IQ eines Regenwurms. Du darfst dir seine Äußerungen nicht annehmen.“
„Du hast leicht reden, du hast ja auch noch alle deine Haare auf deinem Kopf. Du wirst nie wie eine Penisbirne aussehen müssen. Ich dagegen sehe meinen persönlichen Penis jeden Tag im Spiegel.“
Nicki prustet los, ihr Lachen durchflutet die kalte Luft.
„Josi, dein Penis ist jedenfalls der Schönste, den ich jemals gesehen habe!“, während sie das sagt, streichelt sie über Josis, von der Wintermütze bedeckten, Kopf.
Nun hält auch Josi nichts mehr. Sie kichert in sich hinein, bis es lauthals aus ihr herausbricht. Josi und Nicki krümmen sich vor Lachen. Es braucht ein paar Meter bis sich beide wieder von ihrem Lachflash erholt haben.

Wahrsagerin

„Josi lass uns noch nicht nach Hause laufen!“, legt Nicki ohne zu Fragen fest. „Wir könnten auf den mittelalterlichen Weihnachtsmarkt gehen. Der liegt doch auf dem Weg.“
„Was gibt es schöneres als Gaukler und Messerwerfer zu beobachten.“, entgegnet Josi ganz trocken.
„Ich fasse das jetzt mal als ein Ja auf.“
Josi verdreht nur die Augen.
Schweigend laufen beide am Boxhagener Platz vorbei, Richtung Revaler Straße.
Nicki ist mit ihrem Smartphone beschäftigt.
Manchmal hat Josi das Gefühl, als wäre Instagram Nickis eigentliche beste Freundin. Kaum ein Tag vergeht, an dem sie sich nicht über ihr Nutzerkonto in Szene setzt. Von wegen Vegangirl. Der Burger gestern in ihren Händen triefte nur so von, mit Antibiotika vollgestopften, totem Rind, wenn es denn hoffentlich auch Rindfleisch war.
„Ich schließe nur noch schnell mein Fahrrad an.“, ruft sie Nicki zu, die nur ein paar Meter entfernt, auf ihr Handy starrend, stehen geblieben ist.
Josi schließt ihr Fahrrad an einer Straßenlaterne, neben dem Eingang zum Weihnachtsmarkt an. Schon von außen ist der mittelalterliche Charme zu erkennen. Wie eine errichtete Festung wurde der Eingang gestaltet. Überall stehen Fackeln und leuchtende Kerzen in windgeschützten Gläsern. Der Boden wurde an einigen Stellen mit Stroh ausgelegt.
Als Josi einen Gaukler und einen Messerwerfer neben einem riesigen, auf eine Holzwand gemalten Bären stehen sieht, während die beiden Männer gerade dabei sind sich ihre Zigaretten anzuzünden, kann sie sich ihr Lachen nicht verkneifen.
„Scheiße, die gibt es hier ja wirklich.“, ruft sie aus und zeigt mit ihrem rechten Fäustling auf die beiden Männer.
Nicki zückt sofort ihr Handy und fotografiert die beiden Kuriositäten. Next Step – Instagram, denkt sie sich freudig.
Vorbei an dem miniaturgroßen Riesenrad aus Holz und den vielen kleinen Lagerfeuern zwischen den Ständen, laufen sie zur Mitte des Marktplatzes. Dort angekommen erblicken sie ein, mit unzähligen Lichterketten behangenes, kleines Zelt. Von innen ist es mit Fell und weiteren Lichterketten ausgehangen. Rechts vor dem Zelt sitzt eine verrauchte, in die Jahre gekommene Dame, direkt vor dem Lagerfeuer. Sie wirkt traurig, wie sie da so ganz einsam sitzt und sich am Feuer aufwärmt. Als sie die Mädels erblickt, steht sie auf und winkt ihnen zu.
Nicki blickt ganz entsetzt zu Josi. „Was will die denn jetzt? Ich geh doch nicht da rein und setze mich zwischen all die toten Tiere.“
Josi zieht an ihrem Arm und antwortet, „ Kommst du nicht mit, setze ich nachher ein Bild von dir auf Instagram, wie du genüsslich den Burger verzehrst, während dir das ganze Bratenfett am Kinn herunterläuft.“
„Fuck, du hast mich.“, knirscht Nicki sie an. Sie trottet Josi, wie eine bockige 4 jährige hinterher.
Auf der Tafel vor dem Zelteingang steht in filigraner Schreibschrift:

Wahrsagerin Natascha
Kennt die Antworten auf deine Fragen.

  • aus der Hand lesen 10 €
  • in die Kugel schauen 20 €

Im Zelt weist die Wahrsagerin die beiden Mädels auf zwei Baumstammhocker vor der Glaskugel. Sie setzen sich ganz vorsichtig hin. Das Zelt ist so klein, dass sie Angst haben mit ihren Knien etwas umzureißen. Nicht einmal den Rucksack schaffen sie abzulegen, ohne dass sie mit den Armen die Wände des Zeltes streifen.
Die Frau gibt keinen Ton von sich. Eine kurze Weile sitzen sie sich gegenüber. Keiner sagt etwas.
Josi fragt Nicki, „Müssen wir anfangen?“.
„Womit anfangen? Was willst du eigentlich hier?“, flüstert Nicki.
Plötzlich steht die Wahrsagerin auf, pustet ihnen irgendein undefinierbares, weiß glitzerndes Pulver entgegen. Für einen kurzen Moment fühlen sie sich, als sprüht ihnen Tinker Bell höchst persönlich Feenstaub ins Gesicht, damit sie gleich fliegen können.
„Ihr seid nun rein. Euer Herz und euer Geist sind offen für meine Einsicht. Wie kann ich euch helfen?“ Die Wahrsagerin setzt sich wieder in ihren Sessel.
„Ähm, ehrlich gesagt weiß ich das gar nicht so genau.“, spricht Josi mit Bedacht. „Sie haben uns  herein gewunken und wir sind gefolgt.“
„Dir fehlen Haare.“ Die Wahrsagerin verzieht keine Miene als sie das sagt.
„Das ist richtig, voran haben sie das erkannt? Ich trage eine Mütze und einen dicken Schal. Nichts deutet auch nur im Ansatz darauf hin!“
„ Ich sehe dich.“, ist ihre Antwort.
„ Äh toll, Danke.“ Josi ist leicht verdutzt.
Es herrscht Schweigen.
„Können sie mir vorhersagen, ob und wann meine Haare wieder wachsen werden?“
„Ich bin mir nicht sicher. Das erfordert einige Anstrengung. Dazu müsste ich in die Kugel schauen. Ihr müsst aber zuerst bezahlen, erst dann werde ich eine Vorhersage treffen.“
Josi greift nach ihrem Portemonnaie. Als sie den Schein zücken will, greift Nicki ihr Handgelenk.
„Josi, ist das dein ernst? Das ist doch alles pure Geldmacherei. Da kannst du auch gleich mir die 20 € geben und ich leiere mir Irgendetwas zusammen.“
Josi reagiert nicht auf Nicki und gibt das Geld der Wahrsagerin.
Sofort greift sie ihre Kugel und wedelt mit den Händen kreuz und quer über das Glas.
Zwischendurch murmelt sie irgendetwas Unverständliches vor sich her.
„Ich sehe nur verschwommene Bilder. Was ich erkennen kann ist eine junge Frau mit blonden, schulterlangen Haaren. Sie steht mit dem Rücken zu mir. Sie versucht sich umzudrehen, aber irgendetwas scheint sie aufzuhalten.“
Nicki hat genug gehört. „So ein Blödsinn.“
Sie greift Josis Arm und fordert sie damit auf das Zelt mit ihr zu verlassen. Draußen ist schon die Dämmerung eingetreten. „ Mir reicht‘s. Komm wir müssen los. Ich brauche noch ein paar Weihnachtsgeschenke. Schade um deine 20 €.“
Sie sind gerade auf dem Weg Richtung Ausgang, als die Wahrsagerin wieder vor ihnen steht. Josi konnte gar nicht so schnell reagieren, da beginnt sie schon ihr etwas ins Ohr zu tuscheln.
„Die Bilder meiner Kugel sind verschwommen, weil dein Körper sich noch nicht entschieden hat. Die junge Frau auf dem Bild bist du, aber nur wenn dein Körper das auch so sieht. Lebe mit Liebe und Wohlwollen zu dir selbst und du wirst glücklich sein, egal wie dein Körper sich entscheidet.“
Die Wahrsagerin dreht sich um und verschwindet in der Menschenmasse.
„Was war denn das jetzt?“, fragt Nicki genervt.
„Nichts weiter.“ Nur noch mehr Gewäsch.“, wiegelt Josi sie ab.
Warum sich Josi dagegen entschieden hat, Nicki die Aussagen der Wahrsagerin wiederzugeben, weiß sie selbst nicht so genau. Aus irgendeinem Grund hat sie das Gefühl, es vorerst für sich behalten zu wollen. Es ist ihr Schatz.

Josi

Wieder am Fahrrad, verabschiedet Josi sich kurzerhand von ihrer besten Freundin, schließt schnell das Rad ab, springt auf den Sattel und fährt los. Nicki steht ganz verdattert unter der Straßenlaterne, dessen Lampe just in diesem Moment anfängt zu leuchten. Ihr Handy in der Hand, schaut sie Josi nach, wie sie schlitternd versucht die Straße entlang zu fahren. „Was ist denn jetzt schon wieder?“, fragt sie eher an sich selbst gerichtet als an Josi, denn die hätte es eh nicht mehr gehört. Noch schnell von Josis Schlitterpartie für Instagram ein Boomerang geschossen, steckt sie ihr Handy ein und geht, noch immer leicht verdutzt, allein zur S-Bahn.

Zu Hause angekommen, schmeißt Josi ihr Fahrrad auf die schneebedeckte Wiese ihres Elternhauses, rennt in ihr Zimmer und schließt von innen ab.
„Warum nicht?“, sagt sie wie in Trance immer wieder zu sich selbst. Ihre Wintersachen noch immer angezogen, läuft sie vor ihrem körpergroßen Spiegel auf und ab.
Als sie anfängt zu schwitzen, zieht sie ihre Wintersachen, bis auf die braune Mütze, aus und schmeißt sie aufs Bett.
Josi steht vor dem Spiegel und starrt sich an. Sie nimmt jede Feinheit ihres Gesichtes auf, die langen und geschwungenen Wimpern, ihr winziger Leberfleck am rechten Augenlied. Sie sieht wie ihre Pupillen kontinuierlich, wie ein Bass, arbeiten. Josi streicht mit dem Zeigefinger ihren Nasenflügel  entlang. Sie bemerkt zum ersten Mal den wunderschönen Rosé-Ton ihrer Lippen.
Jetzt ist die Mütze dran, sagt sie laut zu sich selber.
Mit beiden Händen greift Josi zur Mütze und zieht sie nach oben weg.
Das bin ich, denkt sie sich. Josi fährt sich mit der linken Hand über die Stirn. Sie schmunzelt, als sie die ersten kleinen Fältchen entdeckt. Sie fährt mit ihrer Hand einmal komplett von vorne nach hinten über den Kopf und wieder zurück.
Die Erkenntnis schießt ihr blitzartig in den Kopf. Es ist ihr Weihnachtsgeschenk an sich selbst.
„Ich bin schön. Ich bin tatsächlich schön. Ich habe keine Haare und ich bin schön.“ Josi lacht sich selber im Spiegel an. Sie weiß jetzt, dass kein Tom dieser Welt ihr dieses Bewusstsein nehmen kann.

 

 

Ich wünsche euch allen eine besinnliche Zeit im Kreise eurer Lieben, viel Entspannung und vor allem ganz viel Kekse, Stollen, Lebkuchen und Marzipankugeln. Die Schokoweihnachtsmänner nicht zu vergessen. Frohe Weihnachten!

 

PS: Es ist meine erste veröffentlichte Kurzgeschichte. Von daher würde ich mich über ein Kommentar freuen.

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