Scham(los) – Am Ende sind es nur Haare

Schamlos-am Ende sind es nur Haare

Ich stelle mir nahezu täglich die Frage, wie ich wohl mit meinen echten Haaren aussehen würde. Etwa, wenn ich vor meinem Kleiderschrank stehe und mein Tagesoutfit wähle. Parallel dazu überlege ich schon welche Haarfrisur gut passen könnte. Ich ertappe mich dabei, wie ich andere Frauen beobachte, deren Haare meinen damaligen in Form und Frisur ähneln. Morgens starre ich meine Glatze an, während ich vor dem Badspiegel stehe, um meine Zähne zu putzen.
Immer und immer wieder kreist diese Frage in meinem Kopf umher, gefolgt mit dem Wunsch, dass meine Haare doch bitte endlich wieder anfangen zu wachsen.

Ich vermisse so vieles

Es gibt so vieles, das mir in Verbindung mit meinen Haaren fehlt.
Ich vermisse es, mit meiner Hand durchs offene Haar zu gleiten, um es zu richten.
Ich vermisse es, mir die unterschiedlichsten Frisuren auf den Kopf zu zaubern, unter der Dusche Pflegepackungen ins Haar zu kleistern, sie stundenlang zu Föhnen, zu Glätten oder über Nacht mit Papilotten zu schlummern, damit ich auch ja am nächsten Morgen meine Lockenpracht frisieren kann.
Überhaupt vermisse ich es, die Unlust zu verspüren meine Haare waschen zu müssen, geschweige denn mit nassen Haaren ins Bett zu gehen. Heute würde ich nichts lieber als das machen.
Ich vermisse meine Ungeduld vor einem Friseurtermin und die Befriedigung, die ich jedes Mal verspürte, wenn ein neuer Schnitt daherkam.
Ich vermisse es über meine Haarlänge zu nörgeln. Hatte ich sie lang, wollte ich sie kurz. Waren sie dann kurz, empfand ich sie länger wieder schöner.
Aber noch viel mehr vermisse ich den Schmerz auf meiner Kopfhaut, der entsteht, wenn ich den ganzen Tag einen sehr hoch sitzenden Zopf oder Dutt trug, abends endlich den Zopfhalter heraus nahm und meine Haare schließlich ihre Position wechseln konnten. Sich dann selber den Kopf zu massieren ist einfach unglaublich.

Schamgefühle bestimmten mich

Der Verlust meiner Kopfbehaarung bedeutete zu Beginn den Verlust eines großen Teils meines Selbst. Ich habe mich durch meine Haare präsentiert, sie Anlässen entsprechend angepasst, viel damit experimentiert und modische Statements gesetzt. Sie stellten für mich eine Ausdrucksform dar und waren von meinem Erscheinungsbild niemals auszuklammern.
Nun sind sie weg. Anfangs dachte ich ein essentieller Komplex meines Schönheitsbildes ist verschwunden. Ich fand mich selbst nicht mehr attraktiv –  entwickelte ein Gefühl von Scham. Das Gespür für meine eigene Sexualität und Ästhetik ging vorerst mit meinen Haaren verloren. Ich empfand mich nicht mehr als mich selbst.
Die eigentlich sehr selbstbewusste junge Frau, die ich zu sein pflege, stand nun plötzlich vor dem Spiegel und versuchte die paar Haarsträhnen, die noch übrig waren, krampfhaft so zu kämmen, dass sie unter der Mütze als schräges Pony vorschimmerten. Immer mit der Absicht, alles vor der Außenwelt zu vertuschen.
Ich dachte nun automatisch von Anderen als krebskrank, androgyn oder homosexuell klassifiziert zu werden, sobald ich mit Glatze das Haus verlassen würde.
Meine, zum Großteil überhaupt nicht begründeten, Annahmen und Ängste, haben mich so sehr beeinflusst, dass ich mir in meiner Auseinandersetzung mit Alopecia selber im Weg stand.
An sich gab es, seit Beginn meiner Erkrankung bis heute, keinen Anlass irgendwelche Anwandlungen von Verlegenheit oder Gefühle der Bloßstellung zu entwickeln. In meinem nahen Umfeld begegnete mir bis dato wirklich niemand mit Missachtung, Abneigung oder Bagatellisierung. Trotzdem setzte ich solche Verhaltensweisen voraus und schürte in mir selber Ängste. Die beiden Psychoanalytiker Freud und Erikson hätten sich wahrscheinlich mit Freude in die Hände geklatscht, ihren Scheitel glattgestrichen und mit Vergnügen eine ganze Abhandlung über meine wirren psychosozialen Verhaltensweisen geschrieben.

Für Alopecia war kein Platz

Im Nachhinein betrachtet, bin ich tatsächlich sehr davon überrascht, wie gut ich mich, trotz meiner sehr ambivalenten Gefühlswelt, im Blindflug durch diese schlimme Zeit gelotst habe. Es hätte mir keiner übel genommen, wenn ich in der ganzen Haarausfallphase einfach das Handtuch geschmissen hätte, mich im Bett verkrochen und aus den letzten noch vorhandenen Haaren einen Altar errichtet hätte, um dem von mir erfundenen Haargott im Gebet anzuflehen, mir doch bitte meine Haare wieder zu schenken.
Aber ich tat es nicht. Ich schluckte meine depressive Stimmung so gut es mir möglich war hinunter, ignorierte jedwede Veränderungen meines Körpers und schleifte mich durch jeden folgenden Tag nach der Diagnose. Für Alopecia war kein Platz! Der Gedanke, dass diese Erkrankung mein Leben bestimmt, stellte für mich keine Option dar.

Die Kunst besteht darin Scham in Stolz umzupolen

Mittlerweile hat sich mein Blick auf die Erkrankung geändert.
Natürlich ist Alopecia ein Teil meines Lebens geworden und das ist auch völlig O.K. so. Es gehört jetzt zu mir.
Nichts desto trotz wird mein Leben nicht durch Alopecia bestimmt. Ich fühle mich nicht krank. Es gibt nichts, was ich aufgrund der Erkrankung nicht machen kann oder vor dem ich aus Angst, sozialen Erwartungen nicht gerecht zu werden, zurückschrecken sollte. Ignoranz oder Verschleierungen meines Selbst führen nur dazu, dass ich mich fühle, als seien meine Beine in einem Betonblock gefangen – neben mir liegt ein Presslufthammer, die benötigte Steckdose ist jedoch in weiter Ferne.
Nahezu täglich treten immer noch Situationen auf, in denen mich meine Schamgefühle begleiten und ich lieber einen Rückzieher machen würde, weil ich Panik habe mich wegen meiner Erkrankung unwohl zu fühlen, mir Sorgen mache, jemand könnte etwas USchamlosnpassendes von mir denken. Bisweilen zeige ich mich mit reiner Glatze nur meiner, mir liebenden Familie und meinen Freunden. Trage ich in der Öffentlichkeit keine Perücke, dann zumindest eine Mütze oder ein Tuch.
Jedoch gieße ich mir keinen Betonblock. Die Kunst besteht nun darin meine Scham umzupolen in Stolz.
Ich lasse es mir nicht nehmen zu leben, zu lieben und zu genießen. Am Ende sind es nur Haare, auch wenn es mir nicht jeden Tag leicht fällt, das zu sagen.

4 Kommentare

  1. Liebe Maria,
    Ich finde deinen Artikel ganz wunderbar geschrieben. Er hat bei mir auch viele alte Erinnerungen aufgerissen. Ich lebe nun schon seid fast 40 jahren mit Alopecia Universalis. Inzwischen habe ich mich glaube ganz gut damit arrangiert. Bis auf ganz, ganz wenige Ausnahmen bin ich allerdings nie ohne Perücke an die Öffentlichkeit gegangen. Heute bin ich 63 und nun fehlt mir auch der Mut dazu. Aber, wer weiß….
    Ich verfolge die Seite ß hin eine Weile u bin echt froh, das es heutzutage soviele Menschen gibt, die besser damit umgehen können. Vielleicht, hätte ich damals schon diese Möglichkeit gehabt, wäre es anders gekommen. Du machst das ganz toll….. 👍👍👍👍👍👍LG HANNE

    1. Liebe Hanne,
      ich freue mich über dein Kommentar. Genau dafür mache ich es. Und es freut mich, wenn es auch so ankommt und angenommen wird. Es geht dabei eben nicht nur um mich, sondern auch zum Beispiel um dich. Wir sollten keine Scheu haben, uns so zu zeigen wie wir sind und wie wir uns fühlen. Schon gar nicht mit 63 Jahren, tolles Alter, wenn es dir sonst gut geht, dann solltest du das auch zeigen. Das Leben ist zu kurz und zu schön, um in einem Rahmen zu bleiben, indem wir eigentlich nicht bleiben wollen. Vielleicht können meine noch kommenden Beiträge dir Anregungen geben, dich das eine oder andere Mal was zu wagen. Immer mit der Devise * Ach scheiß drauf!*
      In diesem Sinne
      Liebe Grüße
      Maria

  2. Hallo liebe Maria,
    ein ganz wunderbarer Artikel, den du da geschrieben hast.
    Ich kenne das „Problem“ AA ja schon länger und je mehr Zeit vergeht, desto leichter wird es.

    Selbst habe ich ja keine Glatze, sondern immer noch Zauseln, die mich aber zunehmend nerven. Dennoch gehe ich nicht ohne Beanie, Kappe oder anderweitige Kopfbedeckung raus. Nicht weil ich mich schäme, sondern weil die Menschen manchmal wirklich takt- und noch mehr empathielos sind. Wenn man mich frägt, was ich habe, gebe ich gerne Auskunft. Aber manch bösartige Kommentare haben einen schönen Tag schon richtig schei… werden lassen.

    Daher halte ich es wie Du – daheim bin ich „frei“. Auch im Garten (sprich meine Nachbarn wissen auch Bescheid). Bin ich aber weiter als 100m von hier entfernt, geht es nicht ohne.

    Ich schicke Dir liebe Grüße
    Sandra von https://www.storfine.de

    1. Hey Sandra,
      dankesehr für dein liebes Kommentar. Zum Glück sind mir negativ Kommentare zu meiner Glatze durch Dritte bis jetzt zum Großteil erspart geblieben. Tatsächlich lebe ich aber auch noch nicht so lang mit AA, wer weiß was da noch kommt. Schön, dass du auch mit allem so offen umgehst und in deinem Blog darüber schreibst.
      Liebe Grüße
      Maria

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